Ich war noch nie in Berlin. Außer das eine Mal, als ich ein Kleinkind war, aber natürlich erinnere ich mich daran überhaupt nicht.
Wir, also die gesamte Klassenstufe 10, fuhren zu Berlin für eine Woche. Eigentlich blieben wir nur drei Tage, den ersten und letzten Tag waren wir in einem Bus und fuhren hin bzw. zurück. Die Busfahrt war nichts Eigenartiges: Es war ein Doppeldeckerbus, und ich saß zuerst unten mit meiner Freundin. Als sie aber herausgefunden hat, dass oben noch Plätze frei waren, verließ sie mich. Wenigstens hatte ich mehr Platz und ich fand, dass es unten viel leiser war. Zumindest war das so bei der Englandfahrt und ich habe nicht erwartet, dass es in dieser Fahrt anders sein würde.
Berlin war schmutziger, als ich erwartet hätte. Kann man eine Stadt als schmutzig bezeichnen? Keine Ahnung. Müll war auf dem Boden und an jeder Wand war ein Graffiti. Überall.
Wir blieben in einem Hostel. Da gab es schon mehrere Probleme. Erstens bekamen wir ein Zimmer im zehnten Stock. Der Aufzug kam fast nie ganz nach oben, weil irgendjemand unter uns ihn betätigte und nach unten fuhr. Zweitens wussten wir zuerst nicht, wie der Aufzug funktionierte. Erst als ein verärgerter Gast seine Karte benutzt hat, haben wir bemerkt, dass wir zuerst das tun mussten, um den Aufzug zu starten. Hoffentlich erinnert sich der Mann nicht an uns. Drittens war unser Zimmer klein. Sogar kleiner als das Zimmer, das ich früher mit meiner Schwester geteilt habe. Wir waren zu sechst und es gab zwei Hochbetten. Also zwei Hochbetten mit drei Betten. Dreierhochbetten? Und natürlich gab es zwischen den beiden nur Platz für eine Person. Wenigstens hatten wir ein eigenes Badezimmer, obwohl die Dusche immer ausgelaufen ist.
Ich habe mir sofort das oberste Bett von einem der Hochbetten geschnappt. Und da kommt noch ein Problem: Es hat ernsthaft wehgetan, hoch- und runterzuklettern. Wenn ich einmal oben war, wollte ich auf gar keinen Fall mehr runter. Wenn jemand unten war, mussten sie mir erst einmal etwas hochbringen oder andersrum. Mehrmals musste jemand meine Brille an den Tisch unten stellen, weil ich sie nicht im Schlaf verbiegen wollte. Und im Bett gab es keinen Platz für sie, ohne das Risiko zu begehen, dass sie herunterfällt. Ich hatte keine Lust, mit einer kaputten Brille durch Berlin zu spazieren.
Frühstück war simpel: Es gab Brot, Joghurt, Müsli, Käse, Nutella und Getränke. Ich habe jeden einzelnen Tag dasselbe gegessen: Müsli und ein oder zwei Nutellabrote. Meine Eltern würden nicht überrascht sein: Egal, wo wir Ferien machen, ich holte mir zum Frühstück immer irgendein Müsli und etwas Süßes. Berlin war keine Ausnahme.
Wir besuchten in Berlin den Bundestag und -rat. Ehrlich gesagt war ich voll gelangweilt bei diesen Besuchen, ich habe mich einfach nicht dafür interessiert. Wenigstens haben wir beim Bundesrat ein Rollenspiel gespielt, wo wir als Bundesländer eine Entscheidung treffen sollten. Wir mussten uns entscheiden, ob wir von der ‚Regierung‘ die Idee, Kurzstreckenflüge im Land ganz zu verbieten, einverstanden sind. Als ich dann für unser Bundesland vorstellen musste, habe ich voll gestottert. Obwohl unsere Entscheidung dann die meisten Stimmen bekommen hat, habe ich beschlossen: Ich werde auf gar keinen Fall Politikerin.
BND war interessanter. Ja, wir mussten unsere Getränke fertig trinken und der Baum hat für das gesamte Jahr genug Flüssigkeiten aufgenommen, und ja, die Kontrolle war sogar noch strenger als in einem Flughafen. Man hat ernsthaft meine Büroklammer, die ich in meinem Notizbuch als Lesezeichen gesteckt habe, untersucht. Trotzdem fand ich die Präsentation und die Ausstellung interessant. Obwohl ich mich nicht für die wirtschaftliche Lage von Ländern interessierte, mochte ich, wie viele Jobs im BND angeboten werden und wie man einen anderen Namen erhält. Als Krimi-Fanatiker liebte ich es, dass ich mal etwas Ähnliches im echten Leben sehen konnte.
KZ war gleichzeitig interessant als auch deprimierend. Es gab so viele Briefe von Gefangenen, so viele Gegenstände aus der Zeit. Ich wollte manchmal echt losweinen. Vielleicht lag das daran, dass ich emotional bin, oder weil das Ganze richtig ekelhaft war. Vielleicht beides. Wir haben für zwei Stunden die Ausstellung besichtigt. Weil wir vier Stunden bleiben mussten, blieben wir im Café. Dort war es warm und es gab Essen.
Den Rest der Zeit in Berlin hatten wir Freizeit. Am ersten Tag haben meine Gruppe und ich nach einem Restaurant gesucht, was fast eine ganze Stunde gebraucht hat, weil jeder etwas anderes essen wollte. An den rechtlichen Tagen sind wir einfach in naheliegenden Malls gegangen. Dort gab es viele verschiedene Restaurants am selben Ort. Ein wenig shoppen haben wir auch gemacht: Ich habe nur Geschenke für meine Familie gekauft, während meine Freunde für sich selbst etwas kauften. Einmal, als eine Freundin von mir ein paar Bücher kaufen wollte, meinte die Kassiererin bei einem Buch, dass es erst ab 18 zu empfehlen ist. Weil meine Freundin nicht widersprach, fragten wir die Kassiererin, ob sie das Buch noch kaufen könnte, und sie antwortete, dass es noch ging, weil es keine staatlichen Begrenzungen bei Büchern gab. Meine Freundin sagte später, dass sie solche Bücher immer lese. Zum Glück ist mir das noch nie passiert: obwohl ich mir nicht sicher bin, ob die Kassierer in Berlin einfach nur strenger sind oder ob es den Kassierern hier einfach egal ist, was für Bücher jemand kauft.
Jedenfalls habe ich meine Zeit in Berlin gemocht. Trotzdem mag ich es lieber, dass ich ein Bett auf dem Boden habe und genügend Platz, um mich frei zu bewegen.

